Wahllexikon

Wir liefern Erklärungen und Hintergrundinformationen zu Wahlen, Wahlrecht und digitaler Demokratie

Hare-Niemeyer-Verfahren

Hare-Niemeyer-Verfahren

Das Hare-Niemeyer-Verfahren ist ein mathematisches Verfahren zur Auszählung der Stimmen, das von 1987 bis 2008 für die Berechnung der Sitzverteilung im Deutschen Bundestag angewandt wurde.

Entwickelt wurde das Hare-Niemeyer-Verfahren von den beiden Namensgebern, Thomas Hare (ein englischer Verfassungsrichter, 1806-1891) und Horst Niemeyer (ein deutscher Mathematiker, 1931-2007). Letzterer schlug 1970 vor, dieses Auszählverfahren für Wahlen im Bundestag einzusetzen. Das Ergebnis der Sitzverteilung ähnelt in den meisten Fällen der Berechnung nach dem d'hondtschen Höchstzahlensystem und gilt nichtsdestotrotz als ein Verfahren, das besonders kleineren Parteien einen Vorteil bringt. Dadurch wird die demokratische Wahl ausgeglichen und die Übermacht der großen Parteien aufgeweicht. 

Das Hare-Niemeyer-Verfahren wird auch als Quotenverfahren bezeichnet, in dem nach einer Bruchrechnung die Dezimalstellen für eine Sitzvergabe der "Restsitze" sorgen.
An einem Beispiel lässt sich dieses Verfahren anschaulich erklären: 
Bei einer Listenwahl mit vier zur Wahl stehenden Listen und insgesamt 176 Stimmabgaben werden die Stimmen für eine einzelne Liste mit der Summe der zu vergebenen Sitze multipliziert. Diese Summe wird dann durch die gesamten Stimmen der Wahl (176) dividiert. Diese berechnete ganze Zahl vor der Kommastelle bestimmt die erhaltenen Sitze. Werden bei dieser Auszählung nicht automatisch alle Sitze vergeben, gelten die Dezimalstellen als Indikator für die Vergabe der "Restsitze". 

Beispielrechnung der Sitzvergabe nach dem Hare-Niemeyer-Verfahren
Mit 176 Gesamtstimmen und acht zur Wahl stehenden Sitzen, ergibt sich für die Liste 1 mit 85 erhaltenen Stimmen, folgende Rechnung:
85 x 8 = 680
680 : 176 = 3,86

Liste 1 erhält somit drei Sitze und bekommt darüber hinaus durch die höchste Dezimalstelle einen weiteren Sitz zugewiesen (siehe Grafik).

In dem Rechenbeispiel, das oben abgebildet ist, kann die "kleine Partei" (in diesem Fall durch die vierte Liste dargestellt) nicht von dem Restausgleich in Form der Dezimalstellen profitieren. Doch gerade bei der Hare-Niemeyer-Berechnung ist die Chance auf einen Sitz durchaus gegeben. 

Siehe auch: D'hondtsches Höchstzahlenprinzip, Wahlsystem, Verhältniswahl, Saint-Lague-Schepers-Verfahren, Hagenbach-Bischoff-Verfahren

< Zur Übersicht