Politischer Dialog im Internet

Die Digitalisierung und das Social Web haben ganz neue Formen der Kommunikation und Information hervorgebracht. Internetnutzer generieren Inhalte selbst und verbreiten Meinungen und Informationen („User Generated Content“). Mit der schrankenlosen Möglichkeit für jedermann ein riesiges Publikum zu erreichen, sinkt gleichzeitig die Bedeutung der Selektions- und Gatekeeper-Funktion von journalistischen Medien. Wir prüfen die verschiedenen Wege der heutigen Kommunikation in unserem Pro- und Contra-Check der politischen Kommunikation:

 

Social-Media-Kommunikation

Pro:

Jeder Internetnutzer kann sich mittels sozialer Medien auch als Laie journalistisch betätigen („citizen journalist“) und damit auch politische Informationen, Meinungen und Kommentare – ohne Barrieren – an die Netzgemeinde verbreiten. Besonders verbreitet sind dabei soziale Medien, Online-Foren und Blogs. Mittels User Generated Content ist es praktisch jedem Internetnutzer möglich, sich zu politischen Fragen positionieren, in sozialen Netzwerken oder Online-Communities seine eigene Haltung darzustellen, sich an Diskussionen zu beteiligen und unter Umständen sogar andere Menschen in politischen Fragen zu aktivieren. Darüber hinaus wird in Online-Medien aber auch die Folge-Kommunikation des Publikums sichtbar, mit der es auf die journalistisch gesetzten Themen reagiert. Die Online-Kommunikation spielt daher eine große Rolle bei der Meinungsbildung und der gesellschaftlichen Einordnung von Themen.

Contra:

Von den niedrigen Hürden profitieren nicht nur demokratische User. Auch politisch radikale und undemokratische Inhalte und Standpunkte können im Internet leicht verbreitet werden. Von dem Wegfall des journalistischen Gatekeeping profitieren daher in besonderem Maße auch Verbreiter von Hass, Hetze und menschenverachtenden Äußerungen (Hate Speech). Dem wird vor allem auch dadurch Vorschub geleistet, weil sich derartige Meinungen und Äußerungen im Internet anonym verbreiten lassen. Obligatorische Registrierungen von Teilnehmern in politischen Foren könnten helfen, die Seriosität und Ernsthaftigkeit zumindest in derartigen Diskussionsforen zu erhöhen.
Außerdem werden politisch desinteressierte Menschen auch nicht unbedingt durch digitale Medien stärker für Politik begeistert. Ein Mensch, der kein Fußball mag, wird auch nicht deshalb zum Fußballfan, weil er einer großen Flut an Fußballnachrichten und -diskussionen ausgesetzt ist. Insofern wird die schweigende Mehrheit, trotz Online-Medien, weiterhin einen großen Bogen um politische Themen machen.

Direkter Kontakt zu Politikern und Institutionen

Pro:

Näher an den Wähler – Professionelle politische Akteure (z.B. politische Parteien, Politiker oder NGO’s) können mithilfe von digitalen Medien die journalistische Vermittlung umgehen und selbst Kommunikationsangebote an ihre Zielgruppen richten. Sie können damit Ihre eigenen Themen auf die Agenda setzen, ihre Positionen klarstellen und mittels Diskussionen Nähe und Gesprächsbereitschaft zeigen. Kommunikationskosten können so gesenkt und gleichzeitig die Beziehungen zu (potenziellen) Wählern aufgebaut und gestärkt werden.

Contra:

Wenn Spitzenpolitiker direkt über soziale Medien mit den Bürgerinnen und Bürgern kommunizieren, kann das vor allem negative Auswirkungen auf die Parteien haben, da ihre Bedeutung als Mitgliederorganisation zurückgeht. Insbesondere die mittlere Funktionärsebene ist hiervon betroffen, deren Bedeutung besonders stark in Mitleidenschaft gezogen wird, wenn die prominenten Spitzenkräfte direkt für jeden Bürger erreichbar sind.

Grenzenlose Informationsvielfalt

Pro:

Heutzutage ist einfacher denn je, an politische Informationen zu kommen. Sie stehen in schier endloser Menge und auch zu jedem noch so erdenklichen Thema zur Verfügung. Selbst das kleinste Nischenthema findet in der Online-Kommunikation seine Berücksichtigung. Damit einhergehen kann, dass die Digitalisierung die gesellschaftliche Tendenz einer immer stärkeren Individualisierung weiter vorantreibt. Auf der breiteren Informationsbasis könnten Wähler also künftig noch stärker individuell von Wahltermin zu Wahltermin entscheiden, welche Partei ihre Interessen am besten vertritt.

Contra:

Durch die Themenvielfalt und die Nutzung nicht-journalistischer, kostenloser Quellen besteht eine Gefahr der Trivialisierung und Qualitätsminderung der Informationen. Das größte Problem ist daher nicht ein Mangel an Informationen, sondern die Auswahl seriöser Quellen. Verlässliche Informationsquellen sind für die Demokratie wichtiger als eine große Masse an Informationen.

Schwierig wird es zudem, wenn in dem Informationsdschungel die Themen eine größere Aufmerksamkeit erreichen, die besonders häufig geteilt oder „geliked“ werden. Die Netzgemeinde bestimmt den Nachrichtenwert und hebt besonders unterhaltsame, überraschende oder witzig präsentierte Themen hervor. Dadurch entsteht die Gefahr, dass der Wahl von Parteien auf der Basis von Informationen, die gleiche Unverbindlichkeit zukommt, wie das „liken“ der Postings von Freunden und Bekannten.

Transparenz

Pro:

Portale für eine bessere Transparenz, wie abgeordnetenwatch, durchleuchten und hinterfragen die parlamentarische Arbeit von Politikern. Bürger sollen die Möglichkeit haben, direkt über das Portal Fragen an die Abgeordneten zu stellen. Insgesamt soll so mehr Transparenz in der Politik erreicht werden.

Contra:

Die Daten sind auch ohne diese Portale verfügbar, da sie öffentlich zur Verfügung stehen. Die Portale bereiten diese Daten lediglich visuell auf und verdichten die Fülle von Informationen. Die zusätzliche Sammlung individueller Fragen und Antworten führt jedoch wieder zu einer Steigerung der Informationsflut. So sind die Nutzer eventuell umso irritierter und haben Schwierigkeiten, die Übersicht zu behalten.

 

Fazit

Digitale Demokratie kommt mit zwei Gesichtern daher. Diese zu kennen und sich zu Nutze zu machen wird für Internetnutzer des digitalen Jahrhunderts eine Pflichtaufgabe. Nur mit dem richtigen Verständnis der Plattformen und Kommunikations-Formen kann der digitale Dialog mit dem politischen Betrieb in Zukunft fruchtvoll sein.