Christian_Schoen_Kuenstliche_Intelligenz

Nachgefragt: Maschinen, die eigenständig lernen und mit dem Menschen kommunizieren können, sind längst Realität. Ich spreche heute mit dem Autor, Ghostwriter und Blogger über die Zukunft künstlicher Intelligenz sowie die Vor- und Nachteile der neuen intelligenten Technologie.

Guten Tag Herr Schön,  Was meinen Sie, wie sich der Einsatz von KI in den nächsten Jahren weiterentwickeln wird?

Es gibt mehrere Bereiche, in denen wir Weiterentwicklungen erleben werden: selbstlernende Programme in Maschinen, wie zum Beispiel Drohnen, die sehen können. Das wird die notwendige Hürde sein, die genommen werden muss, um einen praktischen Einsatz zu gewährleisten. Drohnen müssen selbständig Hindernisse erkennen und Menschenansammlungen ausweichen können. Künstliche Intelligenz wird auch im Bereich „Autonomes Fahren“ eine zentrale Rolle spielen. Sprich: Überall wo Maschinen oder Roboter unabhängig vom Menschen im Einsatz sind oder die Aufgaben von Menschen übernehmen, wird KI als Ersatz dienen.

Wie kann künstliche Intelligenz uns im Alltag unterstützen?

Es gibt bereits erste Anwendungsbereiche, in denen sie das tut. Kameras sind mit Gesichtserkennung ausgestattet und schießen automatisch ein Foto, wenn sie erkennen, dass jemand lächelt. Das sind aber nur die ersten Vorboten für einen generellen Trend: Persönliche Assistenten werden alle möglichen Bereiche unseres alltäglichen Lebens stark verändern. Der Schlüssel, der dieser Entwicklung zum Erfolg verhelfen wird, ist die natürliche Sprache des Menschen. In einigen Geräten, wie dem iPhone, stecken bereits solche Assistenten wie „Siri“ oder der Suchdienst „Ok Google“, denen ganz normale Fragen gestellt werden können. In vielen Fällen reicht das Verständnis der Sprache allerdings noch nicht besonders weit, so dass meist nur ein Google Suchergebnis angezeigt wird. Das wird sich aber schnell ändern, wenn die Datenbanken ausreichend groß werden, auf die solche Assistenten zugreifen können. Diese Big-Data-Datenbanken sind notwendig, um genügend Vergleichsmaterial zu haben, um gesprochene Sprache zu verstehen. Denn intelligente Programme werden kein Bewusstsein dafür erlangen, was die Bedeutung eines Wortes ist. Sie werden lediglich lernen, die Bedeutung eines gesprochenen Wortes zu verstehen, indem sie es mit vielen anderen Varianten desselben Wortes vergleichen, die in Datenbanken zur Verfügung stehen. Dadurch könnte es zum Beispiel möglich werden, dass eine Kamera oder das Smartphone den Nutzer direkt fragt, ob ein Bild direkt auf Instagram gepostet oder an die abgebildete Person geschickt werden soll. Dadurch werden aber auch neue Einsatzgebiete, wie beispielsweise in der Pflege erschlossen: Solche Assistenten könnten darauf achten, dass Menschen nicht vergessen ihre Tabletten zu nehmen oder ausreichend zu trinken.

Welchen Einfluss hat der Einsatz von KI auf den Arbeitsmarkt der Zukunft?

Das ist eine sehr kontrovers diskutierte Frage. Allen Beteiligten scheint klar zu sein, dass viele Arbeitsplätze auf dem

Künstliche Intelligenz, BigData, Digitalisierung - diese Themen faszinieren Christian Schön

Experte für digitale Angelegenheiten: Christian Schön.

Spiel stehen. Die Optimisten behaupten, dass im gleichen Zug viele neue Arbeitsplätze entstehen und die Pessimisten sehen das gesamte System in Gefahr. Ich denke, dass der Verlauf der Zukunft in diesem Punkt noch nicht entschieden ist. Wir brauchen dringend eine Diskussion darüber, welche Zukunft wir wollen. Der Einsatz von KI ist schließlich nicht etwas Naturgegebenes, sondern etwas, dass wir planen und gestalten können. Wenn man sich vorab darüber verständigt hat, wie die Arbeitswelt und die Gesellschaft der Zukunft aussehen sollen, kann der Einsatz von KI sehr sinnvoll sein. Wenn man jedoch blind und planlos alles macht, was möglich ist, könnten die schlimmsten Befürchtungen durchaus Realität werden.

Glauben Sie, dass durch den Einsatz von intelligenter Technik Arbeitsplätze wegfallen werden?

Ja, ich glaube, dass die meisten der Prognosen über die Anzahl der Arbeitsplätze, die potenziell wegfallen könnten, realistisch sind. Das heißt wir bewegen uns in einer Größenordnung von mindestens 1 Millionen Arbeitsplätzen in den kommenden Jahren. Auf längere Frist könnte sich die Anzahl aller Stellen sogar halbieren. Das wäre tatsächlich enorm. Was viele übersehen: In fast allen Arbeitsbereichen wird es zu massiven Erosionen kommen. Angefangen von Personen- und Warenverkehr, der durch autonome Fahrzeuge zunächst ergänzt werden wird, bis hin zur anspruchsvollen Tätigkeiten von Juristen, die durch Bots unterstützt werden, die tausende Seiten von Verträgen und Paragrafen nach den relevanten Stellen durchsuchen können. Sprich: Wir sprechen nicht nur von Stellen, in dem sogenannten Sekundärsektor, sondern auch von vielen Stellen im Tertiärsektor und Quartärsektor, der Dienstleistungen und Informations- und Beratungsleistungen umfasst. Viele der Sportmeldungen und andere journalistische Kleinformen müssten bereits nicht mehr von Menschen geschrieben werden. Eine sehr große Zahl von Wikipedia-Artikeln stammt schon heute nicht mehr von Menschen, sondern von intelligenten Programmen. Noch unterscheiden sich diese Artikel zwar qualitativ sehr von denen, die von Menschen geschrieben werden. Oft sind sie nicht mehr als die bloße Information oder Definition eines Phänomens, die das Programm an einer anderen Stelle beispielsweise in einem Buch gefunden hat. Nichtsdestotrotz zeichnet sich hier eine Tendenz ab, die vor allem eines zeigt: Es sind auch solche Jobs bedroht, die lange als sicher galten.

Welche neuen Berufsfelder könnten durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz geschaffen werden?

Diese Frage ist nicht ganz einfach zu beantworten. Vor allem deswegen, weil die Antwort nicht ausschließlich etwas mit KI zu tun hat. Ich denke, dass es auf jeden Fall eine ganze Reihe von krisensicheren Berufen gibt. Programmierer, Wirtschaftsinformatiker oder Experten im Bereich „Big Data Science“ werden heute und in Zukunft sicher mehr denn je gebraucht werden. Auch im Hardwarebereich, der in Deutschland immer noch sehr unterentwickelt ist, kann sich noch sehr viel entwickeln. Und Hardware kann kaputt gehen und muss repariert sowie regelmäßig gewartet werden. Es bleibt also noch viel an Arbeit zu tun. Die Frage, welche neuen Berufsfelder entstehen werden, hängt aber ganz entscheidend von etwas anderem ab: von unserem Bildungssystem. Wir schicken unsere Kinder nach wie vor in Schulen, die sich in ihrem Grundprinzip seit etwa 200 Jahren nicht grundlegend verändert haben. Die entscheidenden Fähigkeiten, die Menschen in Zukunft brauchen werden, werden dort nicht vermittelt. Ob neue Berufe entstehen werden und in welchen Bereichen hängt maßgeblich davon ab, ob sich hier etwas verändert. Von einer großen Arbeitslosigkeit sind wir nur dann bedroht, wenn wir unsere Kinder weiterhin auf eine Welt vorbereiten, die längst untergegangen ist.

Ist es möglich, dass Maschinen und Roboter schon bald schlauer sein werden als wir?

Das kommt ganz darauf an, was man unter „schlauer“ versteht. Es wird sicher viele Aufgaben geben, die Maschinen und Roboter besser oder im Vergleich zu ihren menschlichen Konkurrenten günstiger erledigen können. In vielen Fällen ist das bereits längst so. Nimmt man nur die Erfolge, die IBMs Supercomputer „Watson“ oder Googles Programm „Alpha-Go“, das kürzlich den besten menschlichen Spieler in dem chinesischen Brettspiel Go besiegt hat. All diese Erfolge müssen aber in einem bestimmten Licht gesehen werden. Es handelt sich stets um Programme, die in einer bestimmten Sache gut sind. Sie benötigen zum Teil noch eine enorme Rechenleistung, um diese eine Sache gut zu machen. „Watson“, der Supercomputer von IBM, kann zum Beispiel so programmiert werden, dass er Mediziner bei der Diagnose von Brustkrebs unterstützt. Dadurch, dass er auf gigantische Mengen von Diagnosen und Bildmaterial zugreifen kann, ist er seinen menschlichen Kollegen überlegen. Man kann Watson auch so programmieren, dass er bei der Quiz-Sendung „Jeopardy!“ die entsprechenden Fragen zu den vorgegebenen Antworten finden kann. Auch in diesem Fall ist er den menschlichen Kandidaten bereits überlegen. Insofern muss man sagen: Ja, Maschinen beziehungsweise Programme sind schon „schlauer“ als Menschen.

Wenn von Menschen gesagt wird, dass sie „schlau“ sind, meint man normalerweise aber etwas anderes, als wenn man von Maschinen oder Programmen sagt, dass sie intelligent seien. Programme bestehen aus einer bestimmten Zahl von Algorithmen, die wiederum auf logischen Operationen basieren. Diese Algorithmen bestimmen, wie intelligent ein Programm beim Zugriff auf Datenbanken oder Sensordaten ist. Solange sich Programme innerhalb dieser Logik bewegen, sind sie dem Menschen überlegen. Was den Menschen zum Menschen macht und wo er der Maschine überlegen ist, ist etwas anderes: Menschen können Dinge tun, die nicht logisch sind. Sie können bewusst Regeln brechen – das ist eine der Quellen für Kreativität – und sie können viele Dinge gleichzeitig sehr gut. Man könnte jetzt sagen, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis Maschinen und Programme ebenfalls soweit sind und viele Dinge gleichzeitig können. Dabei muss man aber bedenken, dass Watson zum Beispiel 90 parallel geschaltete Rechner benötigte, um bei Jeopardy! zu gewinnen. Rechnet man menschliche und maschinelle Arbeit in Watt um und vergleicht, welches der beiden Systeme ökonomischer ist, dann schneidet Watson nicht besonders gut ab.

Welche Rahmenbedingungen müssen durch den Gesetzgeber geschaffen werden, damit die Gesellschaft von der Nutzung künstlicher Intelligenz profitieren kann?

Die Antwort auf diese Frage hängt stark von den Werten ab, auf die sich eine Gesellschaft einigt. Hier werden Fragen entscheidend sein, die nichts mit Technologie zu tun haben. Das sind Fragen wie: Was machen wir mit all der Zeit, die zur Verfügung stehen wird, wenn intelligente Programme und Maschinen immer mehr Tätigkeiten übernehmen? Welche Bedeutung kommt Geld in dieser Gesellschaft insgesamt zu? Das würde aber bedeuten, dass wir von einem Gesetzgeber sprechen, der (pro-)aktiv gestaltend tätig ist. Im Moment erleben wir jedoch eher eine Politik, die sich vielleicht am ehesten als Krisen-Management beschreiben lässt. Das heißt, dass wir wahrscheinlich die Situation erleben werden, die wir bereits beim Markteintritt von Uber oder Airbnb erlebt haben. Sobald ein neues Geschäftsmodell als Bedrohung wahrgenommen wird, wird mit Verboten gearbeitet, anstatt zu fragen, wie die Wirtschaft und die Gesellschaft aussehen soll, in der wir leben wollen. Allerdings gäbe es bereits jetzt in der Tat viel zu tun, um den Übergang zu immer mehr intelligenten Maschinen und Robotern zu gestalten. Ich denke, dass es eine sinnvolle Maßnahme wäre, eine Steuer für Maschinen und Roboter zu schaffen. Jedes Unternehmen, das in Deutschland auf KI setzt, würde sich so weiterhin am Gemeinwohl beteiligen. Denn auch ein autonom fahrender LKW wird die Straße abnutzen, die von Steuergeldern bezahlt wurden.

Ich danken Ihnen für das Interview.

Christian Schön lebt und arbeitet als freier Autor in Berlin. Er ist Buchautor, Ghostwriter und schreibt regelmäßig für das Themenportal Big-Data-Blog. Seine Themengebiete kreisen rund um die Themen Wirtschaft, Digitalisierung, die Zukunft der Arbeit und neue Technologien wie Big Data, Predictive Analytics oder KI.

About Elisa Utterodt

Egal ob in Österreich, Syrien oder den USA, politische Entscheidungen und Demokratie sind für mich nicht nur in Deutschland von Belang. Vor allem der Einfluss der Digitalisierung auf Kultur und Gesellschaft ist für mich ein spannendes wie aktuelles Thema, über das ich gerne berichte. Wenn ich nicht gerade Zeitung lese oder meine Twittertimeline checke, schaue ich mir zur Entspannung Bundestagsdebatten im Fernsehen an. Seit März dieses Jahres bin ich bei Polyas für die Pflege der Social Media Kanäle zuständig, schreibe Blogartikel und unterstütze das Online-Marketing-Team.

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Digital News

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